Was ich gerne schon früher gewusst hätte. Ein Brief an mein jüngeres Ich.

Es gibt Dinge, die wir erst mit zunehmendem Alter lernen. Sei es durch unsere Lebenserfahrung oder Wissen, was wir uns bewusst aneignen. Welche Ratschläge über Geld, Investieren und das Leben sollten wir bestenfalls schon in den 20ern kennen.

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Wenn ich meinem 20-jährigen Ich ein paar Ratschläge rund um das Thema Geld, Investieren und Leben mitgeben könnte, wären es wahrscheinlich folgende Dinge.

Geld

Sparsamkeit ist in Ordnung. Spare so viel, wie es dir möglich ist. Und es braucht nicht mal einen guten Grund zu sparen, aber du wirst es nicht bereuen, später zumindest etwas mehr Rücklagen zu haben – Du weisst es nur bis jetzt nicht.

Grosse und wesentliche Ausgaben entscheiden. Klar, der berühmte Kaffee zum Mitnehmen im Café um die Ecke kostet mehr Geld, als wenn wir zu Hause einen brühen und mitnehmen. Aber selbst wenn wir zweimal wöchentlich ins Café gehen, sind das langfristig viel unwesentlichere Ausgaben als ein luxuriöser Urlaub, Auto, Wohnung oder teure Kleidung. Die großen Dinge machen langfristig den Unterschied.

Geld ist alles und nichts. Geld ist nur Mittel zum Zweck, aber trotzdem benötigen wir es fast überall. Unterschätze nicht den Nutzen – vor allem langfristig etwas zur Seite zu legen und damit Vermögen aufzubauen, aber lass dich nicht ausschliesslich davon steuern. Es gibt wichtigeres im Leben.

Materielles nutzt sich ab und wir gewöhnen uns daran. Die kleinen und großen materiellen Dinge, sei es ein neues Möbelstück, neue Technik usw., sind ja schön und bringen uns sicherlich auch kurzfristig Freude. Langfristig nutzt sich die Freude jedoch ab und wir gewöhnen uns daran. Wenn du etwa täglich an deinem teuren Schreibtisch sitzt, wird es nichts Besonderes mehr sein und du könntest in die Konsum-Falle tappen. Sei dir dessen bewusst und entscheide bewusst und wohlüberlegt bei materiellem Konsum.

Konsumiere lieber klassisch, statt modern und ständig etwas Neues. Oder anders: Qualität hat manchmal leider auch seinen Preis. Wenn du dich dabei erwischen solltest, wie du das deutlich günstigere Produkt kaufst – nur um dann Monate später festzustellen, dass es deine Qualitätsansprüche doch nicht erfüllte – oder schlimmer: nach kurzer Zeit dir schon nicht mehr gefällt, nur um das Produkt, welches den gleichen Zweck erfüllt, nochmals zu erwerben. Fokussiere dich deshalb lieber auf langfristigen Konsum, der vielleicht manchmal etwas hochpreisiger ist. Und gebraucht kaufen funktioniert manchmal ja auch gut und erfüllt den Zweck vielleicht sogar länger, wenn die Qualität stimmt. Was aber nicht bedeutet, nur hochpreisig ist hochwertig und langlebig!

Der subjektive Wert des Geldes wird sich verändern, du kannst es nur bislang nicht sehen. Vielleicht glaubst du, in den 20ern ist eine bestimmte Summe an Einkomme oder Vermögen objektiv viel. In der Regel wird sich über die Zeit viel verändern – und hoffentlich zum besseren für dich. Lass dich nicht täuschen oder beirren. Heute mögen beispielsweise 1000 EUR viel für dich sein, in 15 Jahren kann es gut sein, dass sich diese Summe als lächerlich wenig anfühlt. Rückblickend mag es fast schon unwichtig erscheinen, dass du dich überhaupt darum gekümmert oder besorgt warst. Das muss nicht unbedingt sein. Die Gewohnheiten, die du in den 20ern aufbaust, haben dich dazu gebracht. Lass dich also besser nicht davon abbringen, aber der Wert wird sich für dich subjektiv verändern – und ich meine nicht nur durch Inflation.

Investieren, Geldanlage und Vermögensaufbau

Du musst nicht alles verstehen, einfach simpel anfangen reicht aus. Wichtig ist, dass wir überhaupt anfangen. Unter anderem ein einfaches ETF-Portfolio aus ein bis zwei thesaurierenden «Welt-ETFs» reicht zu Beginn meist vollkommen aus. Und dabei ist es langfristig fast egal, welcher Anbieter draufsteht. Einfach so global wie möglich über viele Sektoren diversifizieren anlegen und gut ist. Ein ETF auf den MSCI World Index reicht anfangs fast immer aus. Bestenfalls regelmäßig nachkaufen, sobald wieder etwas Geld übrig ist oder noch besser: direkt einen Sparplan einrichten. Wenn mal wieder verrückte Marktphasen herrschen oder sogar Krisenstimmung verkündet wird, lieber gleich schlafen legen und gekonnt ignorieren und nichts machen. 20 bis 40 Jahre später wirst du dich dann darüber freuen.

Der Durchschnitt ist vollkommen in Ordnung. Die durchschnittliche Index-Rendite eines globalen ETF ist immer noch besser als die Rendite durchschnittlicher Anlegerinnern und Anleger. Es ist manchmal schon verlockend, ich verstehe es, wenn überall von «Überrenditen» zu lesen ist – sei es mit bestimmten Aktien, Anlageklassen oder Trends. Die Rendite von grossen, sektorübergreifenden Industrieland-Indizes ist zwar definitionsgemäß «nur» durchschnittlich im Vergleich zu zugrundeliegenden Einzelaktien, aber immer noch weit besser als das, was durchschnittliche Anleger sonst an Rendite erzielt. Das geht aus einer immer wieder zitierten US-Untersuchung hervor, die herausstellt, dass Menschen durchschnittlich zu irrational handeln und buchstäblich zu viel handeln und damit ihre Rendite verringern. Dann doch lieber gleich in den «Durchschnitt» investieren. Ist zum einen viel entspannter, und zum anderen kannst du damit nachts mindestens genauso gut schlafen – bei gleichzeitig quasi überdurchschnittlich guter Rendite – was wollen wir mehr?

Unterschätze nicht die Risiken. Risiko ist das, was übrig bleibt, wenn wir glauben, an alles gedacht zu haben. So hat es Carl Richards mal treffend beschrieben. Es ist manchmal zu verlockend, bestimmte Risiken einzugehen, vor allem wenn es um die Geldanlage geht. Geschichten über die eine Aktie, die so gut lief, und andere typische Denkfehler verlocken zu viele. Schlussendlich können wir an noch so viele Szenarien oder Situationen denken, aber Risiko bleibt das, was übrig bleibt und an das du nicht mal im Traum gedacht hast. Stichwort: Schwarzer Freitag, Ölkrise, Dotcom-Bubble, Finanzkrise, usw. Deshalb lieber gleich konservativer sparen und mit dem eigenen Geld umgehen, um im Bedarfsfall entsprechend vorbereitet zu sein.

Und noch eine weitere Anmerkung bezüglich Volatilitäts-Risiko, also die Schwankungen an den Börsen. Die Schwankungen fühlen sich in den 20er ganz anders an als in den 30ern. Und zwar aus zwei Gründen: Einerseits gewöhnen wir uns daran, was nicht nur schlecht sein muss. Aber viel wichtiger noch zweitens: Irgendwann wird hoffentlich dein investiertes Vermögen täglich mehr schwanken, als du jetzt insgesamt in deinem Portfolio hast. Schwankungen von ein paar Prozentpunkten kommen immer mal wieder vor. Du solltest dich also besser gleich damit abfinden.

Vermeide alles abseits regulierter Börsen. Es kann zwar gut gehen, aber die Frage ist, zu welchem Preis. Nicht gelistete Investments sind unter anderem Anlagen in Start-ups, Private-Equity-Produkte, geschlossene Immobilien- oder andere Fondsprodukte sowie auch intransparente Kryptoprojekte. Diese klingen vielleicht manchmal verlockend, aber es hat schon einen Grund, warum diese Produkte weniger Anforderungen unterliegen als regulierte Finanzprodukte. Jetzt könntest du fairerweise in deinen 20ern kannst vielleicht argumentieren, dass du ja noch viel mehr Risiko eingehen könntest, aber zu welchem Preis? Wenn es schon Risiko sein soll, dann könnte doch auch eine oder mehrere Einzelaktien mit vorhandenem Spielgeld ausreichen?

Es gibt nicht den richtigen Einstiegszeitpunkt, fange einfach an. Du wirst nie mit Sicherheit den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischen. Und selbst wenn, dann war es rückblickend Glück. Deshalb lieber regelmäßig, was übrig ist, anlegen – unabhängig vom Zeitpunkt. Dann ist es gedanklich «weg» oder erledigt, und rückblickend musst du dir keine Gedanken mehr machen.

Vergleiche dich nicht mit anderen. Sei es beim Einkommen, Job, Vermögen, Status oder beim Investieren. Wir unterliegen einem typischen Denkfehler: Wir vergleichen uns gerne nach «oben», oder mit denen, die mehr haben oder anscheinend subjektiv mehr haben oder besser dastehen. Du musst dein eigenes Leben leben, mit deiner individuellen Vergangenheit, Herkunft und mentalen sowie physischen Fähigkeiten. Ignoriere deine persönliche Benchmark.

Leben und Beruf

Erfolg ist subjektiv. Wie vorhin schon geschrieben, vergleiche dich nicht mit anderen. Es wird immer Leute geben, die objektiv besser da stehen – sei es im direkten oder indirekten Umfeld. Nur leider tendieren wir eben dazu, immer nur noch oben zu schauen oder zu denjenigen, die subjektiv «besser» vermeintlich dastehen. Dabei sehen wir nur das, was wir sehen sollen – und manchmal vielleicht auch nur «wollen». Alle haben ihre eigenen Herausforderungen, mit denen sie sich täglich herumschlagen. Lass dich nicht davon beirren, du lebst dein eigenes Leben.

Niemand interessiert sich wirklich für dich. Wir können machen, was wir wollen, und müssen niemanden beeindrucken. Solltest du jemals zögern, etwas nicht zu machen, vielleicht weil andere von dir etwas Schlechtes denken könnten? Oder du zu viel nachdenkst, über das, was andere von deinen Handlungen, Entscheidungen oder Situationen denken könnten, vergiss es. Die meisten sind mit sich selbst beschäftigt, so wie du wahrscheinlich auch in diesem Moment.

Es ist in Ordnung, etwas nicht zu wissen. Zu häufig habe ich beobachtet, vorwiegend im beruflichen Umfeld, dass es manchen Leuten schwerfällt, zuzugeben, wenn sie etwas nicht wissen. Meine Erfahrung hat gezeigt, du kannst am meisten lernen, wenn du offen bist für Ideen, Ansichten oder Themen, die du bisher nicht kennst, wenn du zugeben kannst, etwas nicht zu wissen. Die meisten sind mit grosser Freude bereit, es dir zu erklären, nutze das.

Es reicht aus, mit Leuten Zeit zu verbringen, die dir Freude bereiten. Wenn du in den 20er bist, verbringst du statistisch noch die meiste Zeit mit deinen Freunden. Je älter du wirst, desto weniger. Verbringe deshalb lieber gleich die wenige Zeit mit den Leuten, die dir jetzt schon Freude bereiten, und das am besten langfristig. Sodass du rückblickend nicht zu viel Zeit mit «falschen» Freunden verbracht hast.

Lass dich nicht von Dingen ärgern, die in 5–10 Jahren nicht mehr wichtig sind. Ich weiss nicht mehr, von wem ich diesen Spruch gehört habe, aber er ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Lass dich nicht mal 5–10 Minuten von etwas ärgern oder aus der Ruhe bringen, was dich sehr wahrscheinlich in 5–10 Jahren nicht mehr tangieren wird. Bei allen anderen dingen, dagegen darfst du dich auch etwas länger ärgern – musst du aber auch nicht.

Es waren immer schwierige Zeiten, erst im Nachhinein war früher vieles besser. Du hättest wohl gerne, dass in der Vergangenheit alles besser war. Ganz ehrlich: das hätten wir wohl alle gerne. Die Realität ist jedoch, in jedem Jahrzehnt hatten es die Menschen subjektiv nicht einfach. Alle von uns hatten und haben immer irgendwelche «Probleme» – ob gerechtfertigt oder nicht. Egal, ob politische, wirtschaftliche oder persönliche, wir malen uns die Vergangenheit schöner als sie war. Häufig, weil die Probleme überstanden sind, überlebt wurden und die heutigen Themen aus jetziger Perspektive für uns neu sind. Lass dich nicht davon beirren, objektiv geht es vielen hinsichtlich vieler Lebensfaktoren deutlich besser als früher. Aber klar: nicht allen!

Was bleibt zum Schluss?

Es gibt wahrscheinlich immer Dinge, die ich gerne früher gewusst hätte. Glücklicherweise sind mir bisher schlechte Ratschläge erspart geblieben. Oder habe ich sie (un)bewusst vergessen oder unterdrückt? So ganz sicher bin ich mir da nicht mehr. Mal sehen, wie es in den nächsten Jahrzehnten weitergeht.


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