Seit dem 20. September beinhaltet der deutsche Leitindex 40, statt vormals 30 Unternehmen[1].

Wir haben uns die ESG-Bewertungen der verschiedenen Ratingagenturen für die 40 Dax-Unternehmen angesehen, um herauszufinden wie nachhaltig der neue Dax ist und welche Unternehmen als ESG-Vorreiter bewertet werden. Und welche Unternehmen im Mittelfeld angeordnet sind und welche noch Nachzügler bezüglich der ESG-Bewertungen sind.

Für die Nachhaltigkeitsbewertung nach ökologischen und sozialen Aspekten sowie Prinzipien der guten Unternehmensführung (ESG) haben wir die öffentlich verfügbaren Ratings von MSCI, S&P Global und Sustainalytics (Morningstar) verwendet. Zur Vergleichbarkeit und Ermittlung eines gesamten Nachhaltigkeitsbildes für den Dax haben wir die verschiedenen ESG-Werte der Ratingagenturen in eine eigene simplifizierte ESG-Klassifizierung mit drei Abstufungen klassifiziert: Vorreiter, Mittelfeld und Nachzügler. 

Darüber hinaus haben wir die 40 Dax-Unternehmen und den DAX 50 ESG Index verglichen – welche Unternehmen ausgeschlossen werden und welche Themen für uns Privatanleger bei der nachhaltigen Geldanlage relevant sein können.

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1. Wie nachhaltig ist der deutsche Aktienindex DAX 40?

Wie nachhaltig ist der deutsche Leitindex? Überraschenderweise sind mit Stand Oktober 2021 rund 30 % der Dax-Unternehmen im oberen Spektrum der Nachhaltigkeit einzuordnen und erhalten von den drei großen Ratingagenturen MSCI, S&P Global und Morningstar überdurchschnittliche ESG-Ratings (siehe dazu auch die dunkelgrüne Klassifizierung in der Abbildung unten). 

Insgesamt fällt auf, dass viele Unternehmen durchschnittlich im Mittelfeld (hellgrün) angeordnet sind und wenige im oberen bzw. unteren (grau) Spektrum. Darüber hinaus scheint es für einige Dax-Unternehmen keine klare Einstufung in Vorreiter, Nachzügler oder Mittelfeld zu geben, sondern unterscheiden sich je nach Ratingagentur.


ESG-Bewertungen der Unternehmen im DAX 40 und ESG-Klassifizierung (Eigene Darstellung)

ESG Vorreiter im DAX

Von den nachhaltigsten Unternehmen (nach ESG-Bewertung) im Dax sind vor allem vier hervorzuheben: Adidas, Allianz, Munich RE und SAP.

Adidas erhält von MSCI seit 2018 durchgängig eine ESG-Bewertung von AAA (höchste Bewertung). Darüber hinaus ist Adidas branchenführend in der Unternehmensführung, CO2-Fußabdruck der eigenen Produkte und bei der Rohstoffbeschaffung. S&P Global bestätigt Adidas in der Bekleidungsbranche vor allem bei den ökologischen Faktoren führend zu sein. Sustainalytics vergibt Adidas insgesamt ein niedriges (gutes) ESG Risiko Rating, wird jedoch bei den Kontroversen als „signifikant“ eingestuft, was hauptsächlich durch Vorfälle der letzten drei Jahre in den Bereichen Bestechung und Korruption begründet wird.

Die Allianz ist von MSCI ebenfalls mit AAA bewertet (seit April 2017 unverändert) und ist in sechs so genannten ESG-Schlüsselthemen sogar Vorreiter. Einzig beim Unternehmensverhalten stuft MSCI die Allianz in die Kategorie ESG-Nachzügler ein. S&P bewertet die Allianz mit einem ESG Score von 85 und ist im Branchenvergleich führend bei ökologischen Faktoren, jedoch eher durchschnittlich bei  der Unternehmensführung. Interessanterweise unterscheiden sich die Bewertungen von S&P und MSCI hinsichtlich dem Kriterium der Personalentwicklung  — MSCI stuft die Allianz hier als ESG-Vorreiter ein, S&P dagegen zwar besser als durchschnittlich, aber mit Luft nach oben zum Branchenführer. Sustainalytics bewertet die Allianz mit einem ESG Risiko Rating von knapp 16 und gehört damit zu den 30 % besten Unternehmen im Dax.

Die Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft (Munich RE) wird von MSCI seit Anfang 2018 unverändert mit AA bewertet. Und ist bei Themen wie „verantwortlichen Investitionen“ und „Datenschutz und -sicherheit“ führend in der Branche. S&P vergibt der Munich RE eine ESG-Bewertung von 80 und gehört bei fast allen Kriterien zu den branchenbesten. Einzig bei den Themen wie „Unternehmensführung“ und „Mitarbeitergewinnung und -Bindung“ eher durchschnittlich. Bei Sustainalytics erhält die Münchner Rück ein niedriges ESG Risiko Rating und ist nur wenige Plätze hinter der Allianz innerhalb der Versicherungsbranche eingereiht.

SAP gehört laut MSCI zu den 5 besten Unternehmen innerhalb der Software- und Dienstleistungsbranche, aus über 150 und erhält seit 2018 eine ESG-Bewertung von AAA. Laut MSCI und S&P ist SAP ESG-Branchenführer bei Themen wie „Personalentwicklung“ und „Unternehmensführung“. Einzig beim Thema „Datenschutz“ divergieren die Bewertungen von S&P und MSCI leicht: MSCI bewertet die SAP hier zu den ESG-Vorreitern, bei S&P ist noch Potenzial nach oben. Sustainalytics bewertet SAP mit einem ESG Risiko-Rating von 9,7 und erreicht damit im gesamten DAX 40 die zweitbeste ESG-Risiko-Bewertung.

ESG Schlusslichter

Am anderen Ende des Spektrums der ESG-Bewertungen im Dax sind besonders zwei Unternehmen im Fokus: Bayer und Volkswagen.

Bayer wird von MSCI seit 2019 mit BB bewertet, wurde jedoch von zuvor BBB herabgestuft. Im Vergleich zu anderen Unternehmen in der Pharmaindustrie ist Bayer vor allem in drei ESG-Themen noch Nachzügler. Zum einen beim „Unternehmensverhalten“, „Giftige Emissionen und Abfälle“ und auch bei der „Chemikaliensicherheit“, wie es von MSCI genannt wird. Dazu zählen beispielsweise schädliche Chemikalien im Produktportfolio, aber auch die Bemühungen der Unternehmen weniger schädliche Alternativen zu entwickeln. S&P vergibt Bayer eine ESG-Bewertung von 34. Diese Bewertung basiert im Gegensatz zu anderen S&P ESG-Bewertungen, allein auf den öffentlich verfügbaren Informationen und wurde von S&P durchgeführt (siehe auch S&P Bewertungen mit gekennzeichnet mit * in Tabelle auf vorheriger Seite). Tendenziell ist zu beobachten, dass von den Unternehmen selbst ausgefüllte und eingereichte Fragebögen (von S&P Corporate Sustainability Assessment, kurz CSA genannt) bessere ESG-Bewertungen erhalten als die von S&P durchgeführten, welche auf den öffentlich verfügbaren Informationen basieren. Sustainalytics bewertet Bayer mit einem mittlerem ESG-Risiko, ist mit einer Bewertung von 28,6 an der Grenze zum hohen ESG-Risiko eingestuft. Vor allem der „gesellschaftliche Einfluss der Produkte“ scheint ein Haupttreiber für die hohe Kontroversenbewertung von 5.

Volkswagen ist ebenfalls noch Nachzügler hinsichtlich der ESG-Bewertungen im DAX. MSCI vergibt VW seit 2021 eine ESG-Bewertung von B, wurde zuvor jahrelang mit CCC (niedrigste Bewertung) bewertet. Aktuell erreicht VW (wie auch Porsche) das schlechteste MSCI-ESG-Ergebnis im DAX. In der Branche Schlusslicht ist VW vor allem bei ESG-Themen wie dem „Unternehmensverhalten“ und dem „CO2-Fußabdruck“. 

S&P bewertet VW mit 62 und ist damit leicht über dem Branchendurchschnitt. Da VW jedoch das Assessment selbst durchgeführt und S&P zur Verfügung gestellt hat, können die Bewertungen signifikant höher sein, als Unternehmen, die keine Bewertung zur Verfügung gestellt haben. Laut S&P ist VW vor allem Branchenführer beim Thema „Innovationsmanagement“ und „Klimastrategie“, und eher durchschnittlich bei den Themen „Arbeitssicherheit & Gesundheitsschutz“ und „Unternehmensführung“. Sustainalytics vergibt VW eine 29,6 beim ESG Risiko Rating und ist damit Schlusslicht im DAX. Nur die Deutsche Bank und RWE erhalten noch höhere Risiko-Bewertungen.

Konträre ESG Bewertungen

Nicht immer sind sich die Ratingagenturen einig, was die ESG-Bewertungen einzelner Unternehmen betrifft und bewerten tendenziell leicht unterschiedlich und weichen in ihren Bewertungen voneinander ab.

Die Deutsche Telekom beispielsweise erhält von MSCI seit 2019 eine ESG-Bewertung von BBB und befindet sich damit im unteren Durchschnitt innerhalb der Telekommunikationsbranche. Gekennzeichnet vor allem durch Schwächen in der „Unternehmensführung“ sowie „Personalverwaltung“ — dazu zählt MSCI unter anderem die Komplexität der Aufbauorganisation und Arbeitnehmerschutzthemen. S&P dagegen bewertet die Deutsche Telekom mit einem ESG-Rating von 89 und gehört zu den branchenbesten bei ökologischen und sozialen Aspekten. Besonders bei der „Klimastrategie“, „Personalentwicklung“ und „Datenschutz“. Ein deutlich positiveres Bild im Gegensatz zu MSCI. Sustainalytics bewertet die Deutsche Telekom mit einem ESG-Risiko von 17,6 und gehört damit zu den 6 % besten Unternehmen innerhalb der Telekommunikationsdienstleister. Mit zwar einigen Vorfällen, die sich auf das Kontroversenniveau aber anscheinend nur minimal auswirken und auch für die ESG-Risiko-Bewertung bisher wenig Einfluss hatten.

3. Methodik und Datengrundlage | So haben wir analysiert

Die Ausgangslage für die ESG-Bewertung bildet der DAX 40 – der deutsche Leitindex. Dieser Index umfasst die 40 größten und liquidesten Werte aus Deutschland. Für jedes Dax-Unternehmen haben wir mit Stand 3. Oktober 2020 die ESG-Bewertungen der Ratingagenturen MSCI, S&P Global und Sustainalytics (Morningstar) aufgeführt und in eine eigene ESG-Klassifizierung überführt. Daraus ergibt sich für jedes Unternehmen ein holistisches Nachhaltigkeitsbild gemäß ESG-Rating.

Eigene ESG-Klassifizierung: Vorreiter, Mittelfeld und Nachzügler

Alle die von den Ratingagenturen frei zur Verfügung gestellten Informationen haben wir für die Analyse der Dax-Unternehmen verwendet. Da jedoch unterschiedliche Klassifizierungen und Kategorien verwendet werden, haben wir eine eigene ESG-Klassifizierung für die Dax-Unternehmen festgelegt.

Diese ESG-Klassfizierung soll eine vereinfachte Sicht auf die Bewertung der unterschiedlichen Ratingagenturen hinsichtlich eines Dax-Unternehmens geben. Folgende drei Nachhaltigkeitsausprägungen haben wir für MSCI, S&P Global oder Sustainalytics Bewertungen definiert (siehe auch Abbildung unten):

  1. Vorreiter
  2. Mittelfeld
  3. Nachzügler

Methodik der eigenen ESG-Klassifizierung für die Bewertungen von MSCI, S&P Global und Sustainalytics

Als Vorreiter haben wir Unternehmen eingestuft, wenn die MSCI ESG-Bewertung AA oder AAA beträgt. S&P Global Bewertungen werden als Vorreiter eingestuft, sofern die ESG-Bewertung 75 oder höher ist. Auch wenn die Bewertung niedriger als 75 ist, aber das Unternehmen in zwei der drei ESG-Säulen branchenführend bewertet ist, haben wir diese als Vorreiter eingestuft. Beide Bedingungen erfolgen unabhängig voneinander. Sustainalytics ESG Risikobewertungen werden ab einem Risk Rating von 15 oder niedriger als Vorreiter eingestuft.

Nachzügler sind Unternehmen mit einer MSCI Bewertung von BB oder CCC. Ebenfalls Nachzügler haben wir definiert, wenn S&P Global Bewertungen von 50 oder niedriger und Sustainalytics ESG Risikobewertung von 25 oder niedriger sind.

Im Mittelfeld sind alle Bewertungen von MSCI, S&P Global und Sustainalytics, wenn sie nicht in unsere Vorreiter oder Nachzügler Kategorien fallen.

Alle von S&P Global selbst durchgeführten ESG-Bewertungen haben wir jedoch nicht in die eine der drei ESG-Klassifizierungen eingestuft. Da diese Bewertungen signifikant niedriger sind, als die der Unternehmen, die selbst den CSA-Fragebogen ausgefüllt und eingereicht haben. 

Fazit

Rund 30 % der Dax-Unternehmen sind nach ESG-Rating im oberen Bereich der Nachhaltigkeit eingestuft — können also als ESG-Vorreiter bezeichnet werden. Im unteren Bereich befinden sich noch rund 10 % ESG-Nachzügler, die von den Ratingagenturen im Vergleich zu Branchenwettbewerbern als Schlusslicht eingeordnet werden. Im Mittelfeld sind aktuell rund 60 % der Dax-Unternehmen eingeordnet.

Wenn zusätzlich qualitative Kriterien berücksichtigt werden, die vor allem für uns Privatanleger relevant sind, kann die quantitative Einschätzung der Ratingagenturen auch anders aussehen.

Der DAX 50 ESG Index —die nachhaltige „Variante“ des DAX 40 — schließt aktuell neun Dax-Unternehmen aus. Das Nachhaltigkeitsprinzip[6] berücksichtigt neben guten ESG-Bewertungen, die auf Risiko-Einschätzungen von Sustainalytics basieren, auch qualitative Ausschlusskriterien. Unternehmen dürfen beispielsweise nicht in Geschäftsfeldern wie umstrittenen Waffen, Rüstungsgüter, Tabak, Kernenergie und Kraftwerkskohle aktiv sein.

Darüber hinaus gibt es individuelle Nachhaltigkeitsansprüche für jeden Privatanleger. Ein kontrovers diskutiertes Thema ist die Kernenergie — für die einen „nachhaltig“, für andere wiederum unabdingbares Ausschlusskriterium.

Nichtsdestotrotz können wir Bewertungen von Ratingagenturen, die Nachhaltigkeitsstandards messen, als Hilfsmittel für die eigene Investitionsentscheidung nutzen. Denn nur selten haben wir Einblicke in die vollen operativen Tätigkeiten und Herausforderungen eines Unternehmens. Aber auch die Bewertungen und Einschätzungen der Ratingagenturen können hinterfragt werden, denn wir wissen selten, was die Unternehmen den Ratingagenturen gemeldet haben oder anders gedacht: Wir müssen wohl dem Vertrauen, was die Investor Relations Abteilungen der Unternehmen nach außen kommunizieren.

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Anmerkungen & Quellen


Daten und Informationen, Stand: 03.10.2021

Titelbild: Igor Flek (Unsplash)

[1] Deutsche Börse (2021): DAX mit zehn neuen Mitgliedern. Pressemitteilung. 03.09.2021
https://deutsche-boerse.com/dbg-de/media/pressemitteilungen/DAX-mit-zehn-neuen-Mitgliedern–2766884

[2] MSCI (2021): MSCI ESG Ratings Corporate Search Tool.
https://www.msci.com/our-solutions/esg-investing/esg-ratings/esg-ratings-corporate-search-tool/ 

[3] S&P Global (2021a): S&P Global ESG Scores.
https://www.spglobal.com/esg/scores/ 

[4] S&P Global (2021b): S&P Global Corporate Sustainability Assessment.
https://www.spglobal.com/esg/csa/getting-an-assessment 

[5] Sustainalytics (2021): Company ESG Risk Ratings.
https://www.sustainalytics.com/esg-ratings  

[6] STOXX (2021): Guide to the DAX Equity Indices. Version 11.2.3. 15.09.2021.
https://www.dax-indices.com/document/Resources/Guides/DAX_Equity_Indices.pdf